Literaturlandschaft Belarus: Eine Begehung
„Die Kenntnis der weißrussischen Literatur
außerhalb der Sowjetunion ist gering“, schrieb Ferdinand Neureiter in
seiner Weißrussischen Anthologie von 1983. Und wo kennt man
diese Literatur heute? In Deutschland stand Vasil' Bykaŭ (Wassil Bykau;
1924-2003), meist in Übersetzungen aus dem Russischen, lange Jahre
weitgehend allein auf weiter Flur, doch nun beginnt das Bild sich langsam zu
differenzieren: „schon sechzehn namen sind gefunden für den schnee /
zeit, sechzehn namen zu erfinden für die finsternis.“ (Val'žyna Mort)
Nach Artur Klinaŭ (*1965) im Jahr 2006
und einem Schwerpunkt zu belarussischer Lyrik in die horen (228/2007)
fand 2009 Val'žyna Mort (*1981) den Weg ins Deutsche, Al'herd Bacharėvič (*1975)
folgt 2010 (die beiden letztgenannten sind auch auf dem Foto zu sehen). Und
Zmicer Višnëŭ (*1973) ist ebenfalls auf dem Sprung.
Višnëŭ ist in seiner Heimat nicht nur als Lyriker und Prosaautor
bekannt, er spielt auch als Kritiker, Herausgeber und Verleger eine wichtige
Rolle für die belarussische Literatur. Stipendien führten ihn unter
anderem an das Literarische Colloquium Berlin (2006) und an die Villa Decius in
Krakau (2008), außerdem war er 2008 gemeinsam mit seiner
Übersetzerin Martina Jakobson mit Lesungen und Podiumsgesprächen in
Berlin und Dresden zu Gast. Der vorliegende Text war ursprünglich als
Vortrag im Programm des Belaruski Kalegium konzipiert und ist vom
Autor für die Publikation in der Zeitschrift Annus Albaruthenicus
2010 überarbeitet und aktualisiert worden. Dort erschien er mit
Kommentaren und zahlreichen Links, für novinki wurde er
vom Übersetzer leicht gekürzt und um eine Auswahlbibliografie auf
Deutsch vorliegender belarussischer Literatur ergänzt.
Gleich zu Beginn möchte ich der geläufigen These
widersprechen, die belarussische Literatur befinde sich seit etwa fünfzehn
Jahren in einer Krise (und damit in guter Gesellschaft), sie sei bestenfalls
zweitklassig und wenig originell. In meinen Augen ist das Gegenteil der Fall.
So paradox es klingt, möchte ich doch mit dem anfangen, was es bei uns
nicht gibt. In Belarus existiert offensichtlich kein Kunstmarkt, das Fernsehen
kennt keine professionellen Literatursendungen, die Regierung stellt praktisch
keine Förderung für den Literaturbetrieb bereit (keine Festivals,
Seminare, Wettbewerbe, keine Unterstützung für Zeitschriften oder
Verlage, so gut wie keine Literaturpreise oder Stipendien), Verleger
genießen in Belarus keine Steuererleichterungen. Und doch – angesichts
all dieser Schwierigkeiten ist das höchst erstaunlich – hat sich die
belarussische Literatur in den vergangenen fünfzehn Jahren stark
entwickelt. Sie schneidet im europäischen Vergleich nicht einmal besonders
schlecht ab, allerdings ist sie dem breiten Publikum kaum bekannt. Auch
der Einfluss ausgewählter belarussischer Sowjetliteratur, die zweifellos
die aktuelle Literatur mitgeprägt hat, ist nicht in Abrede zu stellen. In
erster Linie sind hier Werke von Michas' Stral'coŭ, Ales' Astašonak,
Janka Maŭr, Uladzimir Karatkevič, Vasil' Bykaŭ, Ales'
Adamovič und Ales' Naŭrocki zu nennen. Zu berücksichtigen ist
weiterhin, dass die belarussische Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts
praktisch ausradiert worden war. Die damaligen Modernisten und Avantgardisten
(Paŭljuk Šukajla, Todar Kljaštorny, Valery Marakoŭ,
Uladzimir Chadyka, Michas' Čarot, Ales' Dudar, Jurka Ljavonny) waren
Repressalien ausgesetzt, was die belarussische Literatur um Jahrzehnte
zurückgeworfen hat. So ist es kein Zufall, dass die meisten Schulabgänger
belarussische Literatur nur mit Krieg und Kolchose assoziieren. Höchste
Zeit, den Lektürekanon für Schüler zu revidieren und
Sowjetideologen durch echte Literaten zu ersetzen.
Zeitschriften, Zeitungen, Internet
Wenngleich es in Belarus keinen wie auch immer gearteten Markt für
Literatur oder Medien gibt, erscheinen doch Literaturzeitschriften und
Zeitungen. Dabei verschob sich das Zentrum literarischer Aufmerksamkeit im
Laufe der letzten fünfzehn Jahre zusehends von staatlichen hin zu
nichtstaatlichen Periodika. Nach wie vor erscheinen die staatlichen
belarussischsprachigen Zeitschriften Polymja und Ìaladosc' und die russischsprachigen N¸manund Vsemirnaja literatura,
außerdem die belarussischsprachige Zeitung Litaratura i mastactva
(LiM). Bei den nichtstaatlichen Zeitschriften herrscht eine
größere Vielfalt (Dzejasloŭ, ARCHE, Pamiž,
pARTisan, Tėksty, Kalos'se, Frahmenty,
Pravincyja, Topas, die Zeitungen Naša Niva und Novy
Čas), allerdings erscheinen neben den erwähnten Zeitungen
regelmäßig nur Dzejasloŭund ARCHE, deren
Schwerpunkt nicht auf belletristischen, sondern auf analytischen Texten liegt.
Damit ist der Raum für literarische Periodika doch sehr begrenzt. Das
Internet entschärft diese Situation etwas, hier sind Literaturseiten mit
ihren Foren entstanden, mit Online-Publikationen und Blogs. Unter den
Internetangeboten, die das kulturelle Leben in Belarus beleuchten, ist das
Literaturportal litara.net hervorzuheben, außerdem die an
Jugendliche gerichtete Seite uff-by.org(dort erscheinen z.B.
Informationen über Literaturveranstaltungen und Interviews mit
Schriftstellern) und das studentische Projekt studfarmat.org.
Besondere Beachtung verdienen die elektronischen Bibliotheken knihi.com
und kamunikat.org sowie die Online-Buchhandlung knihi.net. In
jüngster Zeit sind auch die beiden Kulturportale h-a-z-e.org und goliafy.com
sehr aktiv.
Bei den staatlichen Literaturzeitschriften sind
Ideologisierungstendenzen in den letzten Jahren nicht mehr zu übersehen.
Besonders augenfällig sind die inhaltlichen Veränderungen im
Wochenblatt Litaratura i mastactva, das für sich selbst in
Anspruch nimmt, die „Zeitung der kreativen Intellektuellen in Belarus“ zu sein.
Tatsächlich fungiert es als Sprachrohr der staatlichen Ideologie und ist
zum Tummelplatz für so genannte ‚richtige Autoren’ geworden, die hier ihre
Texte veröffentlichen. So finden sich dort beispielsweise folgende
Gedichtzeilen: „Amerika, fremder Reichtum raubt dir den Schlaf. / Wen
stießt du nicht / in den Staub vom Thron, / Doch hielt dich noch immer /
In Schach / Die unbesiegbare / Sowjetunion.“; „Und von ferne kamen / Die
Dollar-Haie zur 'Perestroika' geschwommen … / Du warst es, Amerika / Das
geschickt, wie man neumodischen Plunder kauft, / Uns schlagartig neue 'Yuppies'
beschertest“. Das versteht die LiM wohl unter hohem poetischem
Stil … In derselben Ausgabe finde ich bei N. Hal'pjarovič den
Vergleich einer Frau mit einem Bauchnabel – ist das vielleicht die LiM'sche
Postmoderne?
Die nichtstaatliche Zeitung Naša Niva druckt
derlei Machwerke nicht, sie berichtet aber bisweilen recht subjektiv über
bestimmte Erscheinungen in Kunst und Literatur. Sie ignoriert auch
bestimmte bemerkenswerte Ereignisse und folgt dabei Kriterien, die wohl nur
zeitungsintern nachvollziehbar sind. So wollen die NN-Redakteure die
im Haus der Schriftsteller in Minsk ausgerichtete Großveranstaltung der
literarischen Bewegung Bum-Bam-Lit (anlässlich ihres
zehnjährigen Bestehens), an der zahlreiche Besucher wegen
Überfüllung des Saales nicht teilnehmen konnten, schlicht ‚nicht mitbekommen’
haben. Gleiches ließe sich über die Präsentation der ersten
Ausgabe der Zeitschrift Nihil im Jahr 1999 sagen. Und doch
gebührt der Redaktion Anerkennung für ihre Bemühungen um die
belarussische Belletristik im Rahmen der Buchreihe Kniharnja Naša Niva.
Von gewisser Bedeutung für das literarische Leben sind auch die
staatlichen Zeitungen Kul'tura und Zvjazda. Mitte der 90er
Jahre war es der Kul'tura zu verdanken, dass der Begriff der
‚Postmoderne’ in der belarussische Literatur Fuß fasste. Leider gibt es
die literarisch-philosophische Beilage ZNO, die einmal im Monat mit
dieser Zeitung erschien, nicht mehr. Heute ignoriert die Zeitung viele
nichtstaatliche literarische und künstlerische Ereignisse, sie
konzentriert sich hauptsächlich auf offizielle Veranstaltungen. In der
Zeitung Zvjazda erscheinen von Zeit zu Zeit literarische Texte. Viktar
Žybul' ist es zu verdanken, dass in den vergangenen Jahren in der
Zeitschrift Rodnae slova fundierte literaturwissenschaftliche
Aufsätze erschienen sind. Hin und wieder sind auch in der halblegalen
Zeitung Narodnaja Volja literarische Texte zu finden. Und
schließlich gab es seit Mitte 2007 in der Zeitung Novy Čas
allmonatlich die Beilage Litaraturnaja Belarus'. Nach dem
jüngsten Gerichtsverfahren und den hohen Geldstrafen gegen die Zeitung ist
deren Zukunft jedoch ernsthaft bedroht.
Das Internet scheint momentan
das einzige nicht kontrollierte Medium für das freie Wort in einem
autoritären und diktatorischen Regime zu sein. So ist im belarussischen
Web eine Parallelwelt entstanden. Sie schafft ihre eigenen Helden, bringt ganze
Kontinente und Planeten hervor. Die Mehrheit der älteren
Schriftstellergeneration steht dem Internet kritisch gegenüber und
fürchtet, es schade der Verbreitung des Buches. Das Gegenteil ist der
Fall. Die neuen Technologien stärken die Rolle des Buches und des
literarischen Textes. Im Internet aktiv sind u.a. Adam Globus, Juras'
Barysevič, Sjarhej Kalenda, Michas' Južyk, Al'herd
Bacharėvič (Alhierd Bacharevič), Jaŭhen L¸sik, Vika Trėnas, Ales' Arkuš, Sjarhej Sys, Ihar
Babkoŭ, Hanna Kislicyna, Aksana Bjazlepkina, Sjarhej Balachonaŭ und
Sjarhej Dubavec.
Verlage und Buchreihen
Obwohl die Zahl literarischer Periodika sehr gering ist, erschien in Belarus in
den vergangenen beiden Jahren eine Reihe literarisch hochwertiger Texte. Man
könnte von einem spezifisch belarussischen Phänomen und Paradoxon
sprechen. Diese Texte erschienen, obwohl in den Staatsverlagen praktisch ein
Verbot für alle Texte gilt, die nicht dem Modell des postsowjetischen
Realismus entsprechen oder von Autoren aus dem oppositionellen Verband
belarussischer Schriftsteller (SBP) stammen.
Und doch erschienen in der Reihe Dėbjut des
Staatsverlags Mastackaja litaratura einige Bücher, die beim
Lesepublikum auf Interesse stießen: Haloŭnaja pamylka Afanasija (Afanasijs
entscheidender Fehler) von Juhasja Kaljada, Vjasna ŭ karotkim palito (Frühling
im kurzen Mantel) von Zmicer Arcjuch, Vohnepaklonnik (Feueranbeter)
von Janka Lajkoŭ, Daty (Daten) von Usevalad Haračka, Sonca
za tėrykonami (Die Sonne hinter den Halden) von Julija Novik u.a.
Die Mehrheit belletristischer Werke auf hohem literarischem
Niveau erscheint jedoch in den privaten Verlagen Lohvinaǔ, Belaruski
knihazbor, Medysont, Rady¸la-pljus, Chodr und Halijafy.
Und dabei darf nicht vergessen werden, dass die nichtstaatlichen Verlage, die
sich auf belarussischsprachige Literatur spezialisiert haben, mit erschwerten
Bedingungen zu kämpfen haben. Zumindest ist es ihnen kaum möglich,
Bücher auf eigene Rechnung herauszugeben, freie Mittel sind nie in
ausreichendem Maße vorhanden. Und die Verkaufszahlen sind gering, gefragt
sind nur Bücher bekannter Autoren. Ein Verlag der etwa das Buch des jungen
Autors Zmicer Pljan ins Programm nimmt, geht ein hohes Risiko ein. Nicht
für sein Image, versteht sich, sondern für seine Finanzen. Dabei
haben es auch die jungen Autoren nicht leicht, sich zu ‚promoten’. In den
letzten Jahren hat die Unsitte um sich gegriffen, öffentliche Auftritte zu
stören oder zu verhindern. Das Fernsehen lädt nur Mitglieder des
‚richtigen’, offiziellen Verbandes der Schriftsteller von Belarus (SPB) ein. Im
staatlichen Rundfunk verhält es sich genauso. Und nicht selten sind die
Bücher junger Autoren nicht Ergebnis wirtschaftlichen Handelns, sondern
reinen Mäzenatentums. Nicht wenige Schriftsteller veröffentlichen
ihre Bücher auf eigene Kosten. Denn es gibt in Belarus leider zu
wenig Stiftungen und Organisationen, die willens und in der Lage wären,
belarussische Verlagsprojekte zu unterstützen … Und nicht zuletzt ist
ein privater Verleger gezwungen, Manuskripte nicht nur auf ihren
künstlerischen Gehalt hin kritisch zu prüfen, sondern auch vom
Standpunkt der politischen Sicherheit aus – sonst droht ihm unter
Umständen der Lizenzentzug.
Zu den spannendsten und
ungewöhnlichsten nichtstaatlichen Buchreihen zählen Druhi front
mastactvaŭ (die im Jahr 2000 von Freunden der literarischen Bewegung Bum-Bam-Lit
begründet wurde). Beispielhaft seien genannt: Adljustravanni
peršatvora (Spiegelungen des Urbildes) von Pjatro
Vasjučėnka, Rėkanstrukcyja neba(Rekonstruktion des
Himmels) von Vol'ha Hapeeva (Volha Hapiejeva), Praletarskija pesni(Proletarierlieder)
von Usevalad Haračka , Mil'jard udaraŭ (Eine Milliarde
Schläge) von Jury Stankevič, Stomleny d''jabal(Der
erschöpfte Satan) von Sjarhej Kaval¸ŭ, Pomnik
atručanym ljudzjam(Denkmal der vergifteten Menschen)von Sjarhej
Kalenda oder Nul' (Null) von Illja Sin. Auch die bekannte Reihe Halerėja
B (Kurator Ihar Babkoŭ), die mit verschiedenen Verlagen kooperiert,
findet ihre Leser. Hier erschienen Šal¸ny vertahradar (Der verrückte
Gartenhüter) von Michas' Bajaryn, Cela i tėkst (Körper
und Text) von Juras' Barysevič u. a. In der Reihe Kniharnja
Naša Nivawurden u. a. Sud na Kaljady (Das
Kaljada-Gericht) von Ales' Kudrycki, die Anthologie weiblicher Erzählkunst
Žančyny vychodzjac' z-pad kantrolju (Die Frauen geraten
außer Kontrolle) und der Übersetzungsband Babil¸nskaja biblijatėka (Biblothek von
Babel) veröffentlicht. Im Jahr 2006 wurde die Bibliothek der Zeitschrift Dzejasloŭ
ins Leben gerufen, in der u. a. Veršnik (Reiter) von Anatol'
Ivaščanka und Krušnja (Geröll) von Usevalad
Sceburaka erschienen.
Gruppierungen und Einzelpersonen
In den 1990er Jahren entstand die literarische Bewegung Bum-Bam-Lit
(BBL). Binnen kurzer Zeit wurde der Name zum geflügelten Wort, eine Zeit
lang galt alles Unkonventionelle oder Unverständliche als ‚bumbamlit’. Mit
den eigentlichen Anhängern dieser Bewegung sprang man erst recht nicht
zimperlich um. Serž Minskevič schrieb dazu in einem Beitrag für
die Zeitschrift Tėksty: „[…] im Laufe der zehn Jahre, die diese
Bewegung existierte, fanden sich in einigen Artikeln und nichtamtlichen Reden
allerlei Epitheta für Bum-Bam-Lit: amorph, prinzipienlos,
Akudovičs Jungs, Barysevič und ‚die Seinen’, Bacharėvič und
Freunde, Višnëŭ und Co, Minskevič et al.,
Žybul'-Sippe …“
Heute kommt allerdings den meisten Anhängern dieser
Bewegung eine gewichtige Rolle im literarischen Leben von Belarus zu. Daher
scheint die Gegenthese, die die junge Kritikerin Marharyta Aljaškevič
in ihrem Beitrag zur deutsch-belarussischen Anthologie Frontlinie 2
zum Schaffen der ehemaligen Bum-Bam-Lit-Vertreter formuliert, nicht
unbegründet (von den sieben belarussischen Autoren in dieser Anthologie
zählten nur Vera Burlak und Vol'ha Hapeeva nicht zu dieser Bewegung): „Die
belarussischen Autoren dieses Bandes haben sich ihren Platz in den 90er Jahren
erobert, als sich in der belarussischen Literatur, die bisher vom
‚Kollektivismus’ geprägt war, endgültig der Individualismus etabliert
hatte. Den sieben Autoren geht es keineswegs allein um das vordergründige
Einschleusen brutaler Themen oder das heftige Verwerfen des bis dahin
‚gängigen’ literarischen Kanons, vielmehr sind sie auf der Suche nach
einer individuellen Ausdrucksweise. Jeder stellt seine eigenen neuen Spielregeln
auf.“
Bemerkenswert war und ist die Vereinigung Freier Literaten
(TVL), die wie BBL in den 1990er Jahren gegründet wurde. Sie gibt die
Zeitschrift Kalos’se heraus, die leider nur recht
unregelmäßig erscheint. In ihrer besten Zeit veröffentliche die
Vereinigung unzählige schmale Bändchen in der Reihe Paėzija
novaj heneracyi. Außerdem richtet die TVL von Zeit zu Zeit
internationale Seminare aus und verleiht jährlich den Hlinjany Vjales
für das beste Buch des Jahres. Auch die literarische Vereinigung Vulej
muss erwähnt werden, sie gab eine Zeit lang die Samisdat-Zeitung Soty
heraus. Leider hat die Vereinigung sich bald wieder aufgelöst. Eine
weitere Gruppe junger Schriftsteller hat sich um Andrėj Chadanovič
gebildet. Diese ‚Szene’ nimmt regelmäßig an Wettewerben für
Nachwuchsschriftsteller teil, die u. a. von Chadanovič selbst betreut
werden. Jedes Jahr ist der Wettbewerb einem anderen Klassiker der schönen
Literatur gewidmet: Uladzimir Karatkevič, Natallja Arsenneva, Petrarca.
Im Jahr 2001 machte die Gruppe
SCHMERZWERK auf sich aufmerksam, in der sich radikale Künstler
und Autoren zusammengetan hatten: Juras' Barysevič, Val'žyna Mort,
Vol'ha Hapeeva, Al'herd Bachrėvič, Illja Sin, Zmicer
Višnëŭ (Zmicier Vishniou). Die Gruppe veröffentlichte ihr
Manifest in der Zeitschrift pARTisan und der belarussisch-deutschen
Anthologie Frontlinie (2003). Aufgenommen werden konnte man nur bei
hundertprozentiger Zustimmung aller Mitglieder, daher blieb die Gruppe im
Unterschied zu BBL eher hermetisch. SCHMERZWERK richtet Festivals und
Kunstaktionen aus, veröffentlicht Bücher und die Zeitschrift Tėksty.
Im neuen Jahrtausend machten die Mitglieder der Literatur- und
Performance-Gruppe Jana-try-¸n (Adam Šostak, Juras' Lenski, Vol'ha Rahavaja) von sich reden.
Sie haben ihr eigenes Manifest und treten bei diversen Aktionen und Festen auf.
Insgesamt ist festzustellen, dass sich kreative Kräfte häufig nicht
nur um literarische Gruppierungen sammeln, sondern auch um Zeitungen und
Zeitschriften. Hier sind besonders Naša Niva und ARCHE
zu nennen. Diese verfügen nicht nur über einen festen Stamm von
Autoren, sondern versuchen auch, ihr Literaturkonzept zu propagieren.
Festivals, Kongresse,
Seminare, Wettbewerbe
Zu den arriviertesten Festivals zählt sicher das jährlich
stattfindende Ne-farmat, an dem neben Autoren auch Performer,
Künstler und Musiker beteiligt sind. Über mehrere Jahre hin fanden in
Buchhandlungen einen Monat lang Lesungen unter dem Titel Druhi front
mastactvaŭ statt. Unter dem Slogan Try dni treten
Künstler auf, außerdem werden literarische Neuerscheinungen
vorgestellt. Auch die Wanderfestivals Dzen’ mumifikatara und
Adsutnae belaruskae mastactva müssen hier erwähnt werden. Zum
wiederholten Mal fand bereits das internationale Literaturfestival Paradak
sloŭ statt. Zu beachten ist dabei für alle oben
aufgezählten Aktivitäten: Sie gehen auf die Initiativen von
Privatleuten zurück, häufig ist das Veranstaltungsbudget
verschwindend gering (oder gar nicht vorhanden). Für Prestigeprojekte wie Dažynki
und Slavjanski bazar ist aber immer Geld da. Das Budget für
eine dieser staatlichen Feierlichkeiten dürfte für die Ausrichtung
von zwanzig (hochwertigen) nichtstaatlichen ausreichen. Vieles, was staatlich
finanziert wird, ist leider von vornherein für die Teilnahme
ausgewählter ‚richtiger Künstler’ reserviert. Das sei eben
Geschmackssache, mag da mancher einwenden. Einverstanden, aber Aufgabe des
Staates ist es doch, Kunst für verschiedene Geschmäcker zu
fördern. Für die erwähnten Veranstaltungen wird schließlich
das Geld aller Steuerzahler eingesetzt.
Belarussische Literatur im europäischen
Kontext
Das Interesse der Europäer an der belarussischen Gegenwartsliteratur hat
in den vergangenen zehn Jahren offensichtlich zugenommen. Zahlreiche
Gemeinschaftsproduktionen sind entstanden: die belarussisch-schwedische
Anthologie 4 + 4 + 4 (1999), die
belarussisch-deutschen Frontlinie (2003) und Frontlinie 2
(2007), die belarussisch-ukrainische Suvjaz'razryŭ (2006).
Anthologien belarussischer Lyrik erscheinen in verschiedenen slawischen Sprachen.
Belarussische Schriftsteller werden bei internationalen Festivals
ausgezeichnet. So errang Val'žyna Mort 2005 beim slowenischen Vilenica
International Literary Festival den ersten Platz. Im Jahr 2007 fand im
tschechischen Brno ein Monat der belarussischen Literatur statt. Werke von
Ales' Razanaŭ, Barys Pjatrovič, Al'herd Bacharėvič, Vol'ha
Hapeeva, Viktar Žybul', Juras' Barysevič, Vera Burlak und zahlreichen
anderen Autoren liegen in guten Übersetzungen in die unterschiedlichsten
Sprachen vor. Zu Sowjetzeiten erfuhr man von Werken belarussischer
Schriftsteller nur über die russische Kultur; zunächst wurden die
Autoren ins Russische übersetzt, dann konnte auch noch die
Übersetzung in andere europäische Sprachen folgen. Mit dem Zerfall
der Sowjetunion hat sich die Situation grundlegend gewandelt;
Übersetzungen aus dem Belarussischen ins Russische gibt es nicht mehr
(zumindest liegen bisher keine vor), damit wurde die Belletristik
gewissermaßen konserviert. Doch nun scheinen sich langsam Übersetzerschulen
herauszubilden, die aus dem Belarussischen in andere europäische Sprachen
übersetzen, vor allem ins Deutsche und Schwedische … Vielleicht wird
den bedeutendsten Werken belarussischer Schriftsteller mit der Zeit über
diese Sprachen internationale Beachtung zuteil.
Von Zmicer Višnëŭ, übersetzt aus dem
Belarussischen und für novinki kontextualisiert von Thomas Weiler.
Quelle: www.novinki.de, 2010